„Der muss erst abbinden“ ist einer der häufigsten Sätze auf der Baustelle – und einer der am meisten missverstandenen. Beton bindet nicht ab, weil er trocknet, sondern weil der Zement chemisch mit Wasser reagiert. Trocknet er zu früh aus, bindet er sogar schlechter ab.

Dieser Beitrag erklärt, was beim Abbinden von Beton passiert, worin es sich vom Erhärten unterscheidet, wie man es misst, was es beschleunigt oder verzögert und welche Fehler auf der Baustelle es beeinträchtigen. Konkrete Zeiten finden Sie im Beitrag Wie lange muss Beton trocknen?

Was Abbinden bedeutet

Abbinden – fachlich Erstarren – ist der Übergang des Zementleims vom plastischen in den festen Zustand. Einige Stunden lang lässt sich Beton transportieren, einbauen und verdichten; dann verliert er zunehmend an Plastizität, steift an und wird schließlich fest. Dieser Übergang ist das Erstarren.

Auf der Baustelle werden drei Begriffe oft vermischt, zumal „Abbinden“ umgangssprachlich für Erstarren und Erhärten zugleich steht:

  • Abbinden (Erstarren): der Übergang von plastisch zu fest. Dauert Stunden.
  • Erhärten: der Festigkeitszuwachs des bereits festen Betons. Dauert Wochen und Monate; deshalb wird die Festigkeit, mit der geplant wird, nach 28 Tagen geprüft.
  • Austrocknen: der Verlust des überschüssigen Wassers. Es lässt den Beton nicht abbinden und schadet ihm, wenn es zu früh einsetzt. Genau das soll die Nachbehandlung verhindern.

Was im Inneren passiert: die Hydratation

Portlandzement besteht überwiegend aus Zementklinker, einem Gemisch aus Calciumsilikaten und Calciumaluminaten, das im Drehrohrofen bei rund 1.450 °C entsteht (mehr dazu im Beitrag Zementklinker). Mit Wasser reagieren diese Verbindungen und bilden neue Kristalle, die wachsen, sich verzahnen und das Gemisch zusammenhalten:

  • Tricalciumsilikat (C₃S) reagiert innerhalb von Stunden und Tagen: Es sorgt für das Erstarren und die Frühfestigkeit.
  • Dicalciumsilikat (C₂S) reagiert langsamer und liefert die Langzeitfestigkeit.
  • Tricalciumaluminat (C₃A) würde fast sofort reagieren; deshalb enthält Zement etwas Gips als Erstarrungsregler, der die Reaktion bremst.

Hauptprodukt sind die Calciumsilikathydrate (C-S-H), der „Klebstoff“, der die Festigkeit liefert. Als Nebenprodukt entsteht Calciumhydroxid, vereinfacht auch freier Kalk genannt; es hält den Beton alkalisch und schützt so die Stahlbewehrung. Die Reaktion setzt außerdem Wärme frei: Bei massigen Bauteilen muss sie kontrolliert werden, damit keine Risse entstehen.

Die Phasen vom Frischbeton zum Festbeton

Phasen des Betons und was in jeder Phase möglich ist
PhaseWas passiertAuf der Baustelle
RuhephaseDie Hydratation läuft langsam; der Beton bleibt plastischTransport, Einbau, Verdichten und Abziehen
ErstarrungsbeginnDer Beton verliert deutlich an PlastizitätNicht mehr umrühren, nachverdichten oder Wasser zugeben
ErstarrungsendeEr ist fest, hat aber kaum FestigkeitSchützen und nachbehandeln; noch nicht belastbar
ErhärtungEr gewinnt über Wochen an FestigkeitNachbehandlung in den ersten Tagen; Ausschalen und Belasten je nach erreichter Festigkeit

Wie die Erstarrungszeit gemessen wird

Beim Zement wird sie mit dem Vicat-Nadelgerät bestimmt (DIN EN 196-3): Eine genormte Nadel wird auf einen Leim aus Zement und Wasser abgesenkt, und man notiert, wann sie nicht mehr bis zu einer bestimmten Tiefe eindringt. DIN EN 197-1 schreibt je nach Festigkeitsklasse einen Mindest-Erstarrungsbeginn vor:

Erstarrungsbeginn des Zements, Mindestwerte (DIN EN 197-1)
FestigkeitsklasseErstarrungsbeginn mindestens
32,575 Minuten
42,560 Minuten
52,545 Minuten

Das sind Mindestwerte für Zementleim, keine Zeiten für Beton: Ein realer Beton mit Gesteinskörnung, Wasser und Zusatzmitteln braucht deutlich länger.

Bei Beton und Mörtel verwendet man Eindringversuche: Gemessen wird die Kraft, die nötig ist, um eine Nadel in den aus dem Beton ausgesiebten Mörtel zu drücken. Auf der Baustelle zählt der Abdruck: Wenn Finger oder Stiefel keine Spur mehr hinterlassen, hat der Beton abgebunden – belastbar ist er deshalb noch lange nicht.

Was das Abbinden beschleunigt oder verzögert

Einflüsse auf das Abbinden
EinflussBeschleunigtVerzögert
TemperaturWärmeKälte; unter etwa 5 °C kommt es fast zum Stillstand
ZementKlasse R (hohe Anfangsfestigkeit), höhere MahlfeinheitZemente mit hohem Anteil an Hüttensand, Flugasche oder Puzzolan
WasserWeniger Wasser je kg ZementZu viel Wasser
ZusatzmittelErstarrungs- und ErhärtungsbeschleunigerVerzögerer; manche Fließmittel in hoher Dosierung
Verunreinigungen—Organische Stoffe, Zucker, bestimmte Salze
WitterungDirekte Sonne (Wind trocknet die Oberfläche aus und lässt sie reißen)Kälte und Frost

Zusatzmittel sind das Werkzeug, um das Abbinden an die jeweilige Baustelle anzupassen. Mehr dazu im Beitrag über Betonzusatzmittel und ihre Arten.

Setzmaßprüfung mit dem Setztrichter und Temperaturmessung am Frischbeton
Frischbetonprüfung: Setzmaß und Temperatur – zwei Werte, die schon vorab zeigen, wie der Beton abbinden wird.

Falsches Erstarren und Schnellerstarren

Zwei Anomalien, die oft verwechselt werden:

  • Falsches Erstarren. Der Beton steift wenige Minuten nach dem Mischen an, wird aber wieder verarbeitbar, wenn man ihn ohne Wasserzugabe erneut mischt, und erstarrt danach normal. Ursache ist meist Gips im Zement, der beim Mahlen durch zu hohe Temperatur entwässert wurde.
  • Schnellerstarren (Flash Set). Das Aluminat reagiert schlagartig, weil nicht genug Erstarrungsregler vorhanden ist – mit starker Wärmeentwicklung und einer Steifigkeit, die nicht mehr zurückgeht. Das ist irreversibel, der Beton ist unbrauchbar.

Baustellenfehler, die das Abbinden stören

  • Wasser zugeben, um angesteiften Beton „wiederzubeleben“. Das erhöht den w/z-Wert und senkt Festigkeit und Dauerhaftigkeit.
  • Nach Erstarrungsbeginn rütteln oder umrühren. Das zerstört die Kristalle, die sich gerade bilden.
  • Nicht nachbehandeln. Verliert die Oberfläche in den ersten Stunden ihr Wasser, hydratisiert der Zement nicht, es entstehen Frühschwindrisse, und die Randzone bleibt schwach.
  • Bei Frost ohne Schutz betonieren. Beton darf erst durchfrieren, wenn er eine Druckfestigkeit von 5 N/mm² erreicht hat (DIN 1045-3); gefriert das Wasser früher, ist der Schaden bleibend.
  • Den Einbau zu lange unterbrechen. Die vorherige Lage beginnt zu erstarren, und es entsteht eine ungeplante Arbeitsfuge: eine schwache, durchlässige Ebene.

Graphen in der Hydratation

In den SmartADDITIVES-Additiven greift Graphen genau in dieser Phase ein: Es reagiert mit dem freien Kalk, der bei der Hydratation entsteht, bindet sich chemisch an die Zementstruktur und verdichtet die Matrix. Das Ergebnis ist mehr Festigkeit mit weniger Wasser – und damit die Möglichkeit, Zement einzusparen, ohne an Leistung zu verlieren.